Eine 100 % barrierefreie Website: Geht das überhaupt?

01. Juli 2026 – 

Mit Kopfhörern im Ohr überqueren wir den Spalt zwischen Zug und Bahnsteig durch einen kleinen Schritt. Zuhause angekommen laufen wir die Treppe zu unserer Wohnung hoch, denn es gibt keinen Aufzug. Oben angekommen schalten wir den Fernseher an und schauen unsere Lieblingsserie.

Für die meisten von uns klingt das nach einem ganz normalen Feierabend. Für die 13 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland wäre das so nicht möglich: Für gehörlose Menschen bleibt die Musik stumm, für gehbehinderte Menschen werden schon ein kleiner Spalt oder Treppenstufen zum unüberwindbaren Hindernis und für blinde Menschen läuft die Lieblingsserie ohne Bild.

Illustration einer älteren Person mit Rollator, die an einer Bahnstation vor einem Zug mit geöffneter Tür steht und vor dem Einstieg eine Lücke zwischen Bahnsteig und Zug überwinden muss.

Barrieren gibt es aber nicht nur in der Offlinewelt:

  • Websites ohne Alternativtexte sind für blinde Menschen unsichtbar.
  • Videos ohne Untertitel sind für gehörlose Menschen stumm.
  • Buttons, die sich nur mit der Maus anklicken lassen, sind für Menschen mit motorischen Einschränkungen unerreichbar.

Digitale Barrierefreiheit ist somit für jeden Menschen mit Behinderung elementar.

Digitale Barrierefreiheit ist gesetzlich geregelt

In Deutschland und in der EU sind viele Unternehmen heute rechtlich verpflichtet, Barrierefreiheit zu gewährleisten. Ob durch das Behinderten­gleichstellungsgesetz (BGG), die BITV 2.0 oder den seit Juni 2025 geltenden European Accessibility Act (EAA).*

Unternehmen und Teams arbeiten aktuell daran, ihre Website barrierefrei zu machen. Die Frage, die dabei häufig aufkommt:

Die Antwort darauf ist komplizierter als ein simples Ja oder Nein.

Illustration eines Computerbildschirms mit Lupe, Warnsymbolen, Barrierefreiheits-Icon und einer Zahl 6 als Hinweis auf die Prüfung von Webinhalten auf Barrierefreiheit.
Illustration eines Laptops mit einer Produktseite, einem Kaufen-Button sowie Symbolen für Sichtbarkeit, Barrierefreiheit und erfolgreiche Prüfung.

Was die WCAG-Stufen bedeuten:

Alle gesetzlichen Regelungen zur digitalen Barrierefreiheit verweisen auf denselben technischen Standard: die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG).

Die WCAG sind in drei aufeinander aufbauende Stufen aufgeteilt:

Level A – Die Basis

Die absolute Mindeststufe. Ohne sie ist eine Website für Menschen mit Einschränkungen schlicht nicht nutzbar.

Level AA – Der gesetzliche Standard

AA-Konformität bedeutet, alle Kriterien mit Label A UND alle Kriterien mit Label AA zu erfüllen. Zusammen erfüllen sie die gesetzliche Vorgabe.

Level AAA – Höchste Stufe

Nicht alle AAA-Kriterien lassen sich auf jeden Inhalt anwenden. Eine vollständige AAA-Konformität ist für die meisten Websites nicht erreichbar.

Die AA-Konfirmität ist euer Ziel!

Die WCAG AA-Konformität ist gesetzlich gefordert, praxistauglich und für die meisten Teams ohne Probleme erreichbar. Einzelne AAA-Kriterien können dort ergänzt werden, wo sie sinnvoll umsetzbar sind.

Alle Kriterien, die umgesetzt werden müssen, um die gesetzlichen Standards zu erfüllen, findet ihr in unserer WCAG Checkliste:

WCAG-konform bedeutet nicht „100% Barrierefreiheit“

WCAG-Konformität ist wichtig und richtig. Aber sie ist kein Garant für vollständige digitale Barrierefreiheit. Denn die WCAG-Richtlinien fokussieren vor allem die technische Ebene.

Animationen helfen beispielsweise manchen beim Verstehen, stören aber Menschen mit Vestibularisstörungen. Vereinfachte Sprache kommt vielen zugute, kann aber Fachinformationen verfälschen. Es gibt also keine universelle Lösung, die für alle Menschen gleichermaßen funktioniert.

Ein Alt-Text ist zwar vorhanden, aber kann trotzdem nichtssagend sein. Eine Fokusreihenfolge kann technisch korrekt und gleichzeitig logisch verwirrend sein. All das besteht ein Audit, hilft aber den Nutzenden kaum.

Setzt zuerst die Basics um

Eine Website für jeden Menschen barrierefrei zu machen, ist in der Praxis nicht umsetzbar. Die meisten Websites enthalten jedoch grundlegende Fehler, die sich relativ einfach beheben lassen und die Nutzbarkeit für viele Menschen spürbar verbessert. Bevor ihr also Perfektion anstrebt, startet bei den Basics:

  1. Bilder mit Alt-Text UND mit aussagekräftigen Beschreibungen
  2. Ausreichend Farbkontrast zwischen Text und Hintergrund
  3. Formularfelder mit sichtbaren Labels
  4. Bedienbarkeit per Tastatur
  5. Links mit Text wie „hier klicken“ mit Kontext
  6. Durchgängige und logische Überschriftenhierarchie

AccessAcademy – Die Lernplattform für digitale Barrierefreiheit

Mit der AccessAcademy haben wir eine Lernplattform entwickelt, die euerem Team (Entscheider, Designer, Entwickler & Redakteure) praxisnah und verständlich digitale Barrierefreiheit vermittelt und euch Schritt für Schritt zur Umsetzung anleitet.

Von den Basics bis zur WCAG-Konformität.

Collage verschiedener Screenshots der AccessAcademy: zu sehen sind die Startseite der Lernplattform, Kurs- und Artikelseiten, eine WCAG-Checkliste sowie Quizkarten rund um digitale Barrierefreiheit.

Tipps für alle, die mehr als nur WCAG-konform wollen

  • Mit echten Nutzenden testen: Automatisierte Tools erkennen nur rund 30–40 % aller Barrieren. Menschen mit Behinderungen direkt einzubeziehen zeigt euch auf, was wirklich den Unterschied macht.
  • Sprache und Verständlichkeit prüfen: Inhalte sollten klar strukturiert, logisch aufgebaut und einfach verständlich sein. Dazu gehören eine nachvollziehbare Navigation, verständliche Texte ohne unnötige Komplexität sowie klare Hinweise und korrekte Fehlermeldungen, zum Beispiel in Kontaktformularen.
  • Regelmäßig überprüfen: Neue Inhalte und Funktionen können jederzeit neue Barrieren schaffen. Barrierefreiheit ist kein einmaliges Projekt, sondern etwas, was ihr immer im Blick behalten solltet. Echte Barrierefreiheit beginnt schon im Design und im Code. Denkt sie also immer direkt bei neuen Website-Elementen mit (Inhaltsstruktur, Farbwahl, geeignete HTML-Elemente etc.).

Ihr müsst nicht alles auf einmal umsetzen.

Viel sinnvoller ist ein klarer Plan und die Frage, was die größte Wirkung für Nutzende hat.

Fazit: Barrierefreiheit ist ein Prozess

Realitätscheck: Eine Website, die für jeden Menschen mit jeder Einschränkung perfekt funktioniert, ist in der Praxis nicht erreichbar.

Macht deshalb einen Schritt nach dem anderen in Richtung digitale Barrierefreiheit und startet bei den Grundlagen: Alt-Texte, Farbkontraste und Tastatursteuerung. Fällt euer digitales Angebot unter das BFSG*, sollte das WCAG-Level AA unbedingt euer Zielstandard sein.

Entscheidend ist, dass es bei digitaler Barrierefreiheit nicht um die Frage geht: „Sind wir fertig?“, sondern vielmehr um: „Können wir es noch besser machen?“

Das Wissen dafür bekommt ihr auf AccessAcademy.

llustration eines Bildschirms mit Symbolen für Barrierefreiheit, Tastaturbedienung, Code und Gestaltung, umgeben von Werkzeugen für Design und technische Umsetzung.

*Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) als deutsche Umsetzung des European Accessibility Act (EAA) betrifft alle privaten Unternehmen mit 10 oder mehr Mitarbeitenden ODER einem Jahresumsatz über 2 Mio. Euro, die digitale Dienstleistungen für Endkunden anbieten. Beispiele: Online-Shops, Buchungs- oder Ticketsysteme, digitale Verträge oder Abos.

Autor

Elisa Heinzelmann

Marketing Consultant

Marketingberaterin und Projektmanagerin bei ideenhunger. Spätestens seit sich Elisa im Rahmen ihres Masterstudiums mehrere Monate intensiv mit der Führung der Generation Z beschäftigt hat, brennt sie für das Thema. Als Teil der Generation Z kennt sie die Denkweisen, Werte und Erwartungen nicht nur aus Studien, sondern aus eigener Erfahrung.

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