Wer öfter mal auf LinkedIn unterwegs ist, wird eines bemerkt haben: Irgendwie klingen viele Texte ziemlich gleich. Die Bindestriche häufen sich – für mehr Klarheit, mehr Haltung – mehr Relevanz – und am Ende doch weniger eigener Stil. Dazu werden kurze, abgehackte Sätze und Formulierungen wie „Nicht X, sondern Y“ kombiniert.
ChatGPT, Gemini und Co. sind längst in unserem Alltag, und in unseren Texten, angekommen. Ein „Standardstil“, der freundlich und effizient wirkt und dabei keinerlei Ecken und Kanten hat.

Die Zeitersparnis ist verlockend. Wer will nicht in kurzer Zeit deutlich mehr Websitetexte, Blogartikel und Social-Media-Posts formulieren können? Aber ohne das richtige Prompting klingen KI-Texte eben auch schnell unauthentisch, unkreativ und austauschbar.
Eine steile These: Wir verlieren unsere sprachliche Identität
Überall begegnen uns mittlerweile KI-Texte: Produkttexte, Support-Antworten, Social-Media-Posts, Kommentare, automatisierte Nachrichten. Manchmal merken wir es und manchmal nicht.
KI-generierte Texte selbst haben aktuell noch einen messbar kleineren und weniger vielfältigen Wortschatz. Und die Formulierungen, die wir regelmäßig lesen und hören, färben mit der Zeit auch auf unsere eigene Sprache ab. Das weiß jeder, dem schon einmal aufgefallen ist, dass er plötzlich die Lieblingsfloskeln seiner Kolleginnen und Kollegen übernommen hat.
Dabei lassen sich viele Menschen und Marken alleine durch einen für sie typischen Sprachstil mit typischer Satzlänge, Wortwahl und für sie typische Metaphern, identifizieren. Manche kommunizieren eher knapp und direkt, andere poetisch und bildhaft und wieder andere strukturiert und analytisch. Wenn KI-Modelle zunehmend ähnliche Muster für die Textgenerierung verwenden… wird es diese Vielfalt so in Zukunft überhaupt noch geben? Wenn nicht, würde das auch eine schwindende Wiedererkennbarkeit bedeuten.
Aber es geht noch über die Stilfrage und Einzigartigkeit hinaus. Eine aktuelle Studie (Preprint, MIT, 2025) untersuchte die Gehirnaktivität von Menschen, die Texte mit ChatGPT, mit Suchmaschine oder ganz ohne Hilfsmittel geschrieben haben. Wenig überraschend: Wer mit KI schreibt, denkt messbar weniger mit. Spannend ist aber, dass die schwächere Gehirnaktivität auch noch bestehen blieb, als die KI-Gruppe später wieder ohne KI-Support schreiben sollte. Die Gehirnaktivität der Gruppe, die zuerst ohne KI gearbeitet hatte, wurde beim späteren Einsatz von KI sogar aktiver.
Die Studie sagt also: KI als Einstieg schwächt tendenziell unsere Gehirnaktivität. KI als Ergänzung nach eigener Denkleistung kann sie hingegen sogar stärken.
3 Impulse für einen gezielten Umgang mit KI-Texten
Echte Ecken und Kanten einbauen:
Übernehmt keine KI-generierten Texte eins zu eins. Fügt persönliche Anekdoten, echte Meinungen ein, die vor allem echt und nicht zu 100 % glattgebügelt klingen. Manchmal hilft es, sich seinen eigenen Text laut vorzulesen. Klingt er nach euch? Oder nach niemandem? Dann fügt eure persönliche Note hinzu.
Ausführlich und präzise prompten:
In unseren KI-Workshops betonen wir immer wieder, wie wichtig das Prompting für die gewünschten Ergebnisse ist: Je genauer ihr der KI euren Stil beschreibt, desto besser ist auch der Outcome. Versucht es einmal damit, das Modell mit eigenen Texten als Stilvorlage zu füttern. Wenn ihr die KI dann bittet, neue Inhalte in genau diesem Ton zu formulieren, bekommt ihr deutlich weniger Text, der „KI like“ klingt.
Euer Sprachstil lässt sich übrigens auch dauerhaft einstellen: Bei ChatGPT geht das über die Account-Einstellungen im Bereich „Personalisierung“. Hier könnt ihr mit einem persönlichen Systemprompt hinterlegen, wie eure Texte klingen sollen: klar, direkt, ohne Marketingfloskeln, ohne übertriebene Dramatisierung, ohne typische KI-Formulierungen… Diese Stilvorgaben werden dann in all euren Chats berücksichtigt.

So könnte ein guter Prompt aussehen:
Setze die Brille eines erfahrenen Marketers auf. Schreibe einen LinkedIn-Post zum Thema [THEMA] für [ZIELGRUPPE].
Der Beitrag soll locker, klar und nahbar klingen, aber trotzdem seriös bleiben. Er soll eine eigene Meinung transportieren und nicht wie ein typischer KI-Text wirken.
Nutze bitte meine folgenden drei bisherigen LinkedIn-Postings als Stilvorlage. Achte dabei auf Tonalität, Satzlänge, Einstieg, Rhythmus, Wortwahl und typische Formulierungen.
Meine Stilvorlagen:
[POSTING 1 EINFÜGEN]
[POSTING 2 EINFÜGEN]
[POSTING 3 EINFÜGEN]
Bitte vermeide generische Einstiege, austauschbare Business-Floskeln, übertrieben glatte Formulierungen und zu viele Gedankenstriche.
Der Post soll ungefähr [LÄNGE] Zeichen lang sein und mit einer starken ersten Zeile starten.

Bewusstes Schreiben:
Wir gewöhnen uns gerade sowohl als Lesende als auch als Schreibende an „KI-Sprache“. Das verändert ganz von selbst auch, was wir als normal empfinden. Sich in Sprache auszudrücken, ist eine wertvolle Kompetenz, die wir Menschen haben. Und die ist nicht nur für uns in der Kreativbranche wichtig. Es kann sich also lohnen, diese ab und an zu verteidigen und ganz bewusst einen Text zu schreiben und die eigene Ausdrucksweise zu pflegen.
Individualität statt austauschbarem Einheitsbrei
KI macht uns effizienter und das ist in vielen Situationen und Anwendungsfällen absolut genial. Beim Texten sollten wir KI aber nicht blind vertrauen, sondern Generiertes challengen und unsere persönliche Note einfließen lassen.
Die bestehenden KI-Modelle entwickeln sich aktuell in Rekordzeit. In den letzten Monaten konnten wir -bei ausführlichem, präzisem Prompting – eine starke Entwicklung bezüglich der Qualität von KI-Texten beobachten. Und die wird sich auch in Zukunft konstant weiterhin verbessern.
Eine unglaubliche Chance und Herausforderung zugleich: Unsere Aufgabe liegt nun darin, die gewonnene Effizienz zu nutzen, aber gleichzeitig unsere Kommunikation nicht alleine durch KI bestimmen zu lassen und unsere Individualität zu bewahren.
Eine kleine Frage zum Schluss:
Wie hättest du deinen letzten KI-generierten Text geschrieben, wenn du ihn nicht von einer KI hättest formulieren lassen?




